Interview mit dem Modeguru Nels Frye
Verfasst von Philippe Souidi und Stephanie Werner am 19. February 2008 um 16:55 Uhr | In China, Gesellschaft, Lifestyle 1 Comment
Kürzliche hatte CScout China eine aufschlussreiche Unterhaltung mit dem Amerikaner Nels Frye (Bild), der seit langem in Beijing lebt. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsmann, hat er sich als Chinesischer Modeguru einen Namen gemacht.
Hier eine Zusammenfassung des Gesprächs.
Hallo Nels. Können Sie uns zunächst etwas über sich selbst und über Ihre Tätigkeiten hier in Beijing erzählen?
Ich bin aus Massachusetts und habe Geschichte an der University of Chicago studiert. Im Mai 2005 begann ich für Kamsky Associates Inc. zu arbeiten. Ich unterstütze ausländische, internationale Aktiengeseschaften und Fondsgesellschaften bei der Entwicklung ihrer Strategie für China, einschließlich Investitionsberatung, Markteinführungsstrategien, Wettbewerbs-, Regierungs- und Marktanalysen.
Nebenbei dokumentierte ich den Street Style Beijings, analysierte Mode- und Verbrauchertrends und entwickelte eine Online-Plattform – www.stylites.net. Diese ist nicht nur ein Street Style Blog, sie promotet auch die besten lokalen Unternehmungen, die einzigartige Mode sowie kundenspezifische und handgefertigte Produkte herstellen. In nächster Zeit möchte ich zwei exklusive Kleidungs- und Accessoire-Marken gründen, die dann über den Blog erhältlich wären – jedes Stück, das verkauft wird, soll absolut einzigartig sein.
Können Sie uns Beispiele für ein paar Mode-/ Designtrends nennen, die Sie in Beijing/ China 2008 antizipieren?
- Selbstausdruck – die Leute kümmern sich nicht mehr um Markennamen. Allerdings kann das auch daran liegen, dass sie sich die bekannten Marken nicht leisten können. Das Mixing & Matching von Styles und Einflüssen wird noch mehr an Bedeutung gewinnen. Ausdruck und Style oder zumindest das Streben danach, wird wichtiger als Status sein.
Fabrikbesitzer und Kohle-Magnaten werden wahrscheinlich weiterhin Marken nachjagen, die Wohlstand und Luxus ausstrahlen. - Businessdresses mit Stil – in der Vergangenheit haben Chinas Modeikonen sportliche Kleidung priorisiert, aber Männer und Frauen achten mehr und mehr darauf ein attraktives, professionelles Auftreten zu entwickeln. Marken, die diesen Look online und zu vertretbaren Preisen anbieten expandieren.
- Umweltschutz – junge Chinesen sind umweltbewusst und tun alles nur Erdenkliche, um die Umwelt zu schützen. Im Speziellen, wenn sie diese Aussage durch ihre Kleidung tätigen können.
- Natürliche Farben – Farben, die aus der Natur kommen, gewinnen an Bedeutung. Schwarz, weiß und leuchtende Farben verlieren zwar nicht an Bedeutung, aber die Zunahme der Bedeutung gedämpfter natürlicher Farben ist bereits erkennbar.
- Die Olympischen Spiele – keine Kategorie ist immun dagegen. Mode, speziell Sportkleidung, versucht mit Beijings großem Debüt Schritt zu halten.
Einige Micro-Trends sind:
- Der englische Stil
- Die Popularität des koreanischen Stils nimmt weiter zu
- ebenso wie ein feminines Styling
- Hüte als Ausdruck von Modebewusstsein
Und sogar noch mikroökonomischer:
- Der Trend zu Stiefeln und hineingesteckte Hosen weiten sich auch auf Männer aus
- Schmale Krawatten
- Wollmänter ersetzen Daunenmäntel
Es gibt noch viele mehr, diese sind in meinem Blog nachzulesen.
Wie lange glauben Sie, dauert es, bis bedeutende Chinesische Marken beginnen Trends in der weltweiten Modebranche zu setzen? (oder tun sie es bereits?)
Sicher. Eine Menge Designer chinesischer Abstammung sind eine treibende Kraft. Anna Sui (Bild), Vera Wang und der Newcomer Phillip Lim fallen einem da sofort ein, aber es gibt noch viele mehr. Diese sind entweder im Ausland geboren oder haben zumindest ihr Geschäft dort. Wie andere Firmen auch, sind in China ansässige Modefirmen abhängig von den Kosten und nicht in der Lage die kreativsten Leute zu beschäftigen. Tun sie es dennoch können sie weder die Zeit noch die Ressourcen bereitstellen, die diese benötigen, um ihr Talent vollends auszuschöpfen. Es ist einfacher und risikoärmer Stile zu kopieren oder einfach nur für etablierte Marken zu produzieren.
Ein weiteres Hindernis ist die Bildung. Die besten Studenten nehmen Bereiche wie Design auch nicht als attraktive Studienfächer wahr. Ein chinesischer Design-Student, der einen brillianten Abschluss gemacht hat, würde wahrscheinlich nach Paris gehen, um für Dior oder Lanvin zu arbeiten.
Nichtsdestoweniger: China, seine Regierung und seine Firmen sind in diesen Tagen von Innovationen besessen und wir sehen eine wachsende Liebe für Mode.
Im Bereich der Luxusbekleidung müssen wir die Entwicklung der Haute Couture betrachten. Reiche haben die Ressourcen kreative Designer zu unterstützen und sie möchten Dinge tragen, die einzigartig sind. Die Entwicklung von Haute Couture-Marken werden vermutlich die Entstehung von etablierten Luxusmarken vorantreiben, wie es bereits im Westen der Fall war. Wenn man fernsieht und all die Frauen in individuell gefertigter Bekleidung sieht, ist das wirklich inspirierend. Es wäre wirklich aufregend, würde Haute Couture allerorts durch die Nachfrage des chinesischen Marktes wieder belebt werden.
Blanc de Chine hat einen Laden im Kerry Center und ist eine wirklich aufregendes Label. Auch Jefen und Cabeen – gewiss zwei völlig verschiedene Marken – erhalten viel Aufmerksamkeit. Ich denke, China benötigt noch fünf weitere Jahre, um einen Issey Miyake oder Yohji Yamamoto hervorzubringen – um Japan als Vergleich heranzuziehen.
Der Einfluss Koreas auf die internationale Mode wächst, aber mir fällt kein einziger koreanischer Designer ein, der wirklich revolutionär wäre.
Ist der Einfluss ausländischer Marken – ihrer Meinung nach – auf dem chinesischen Markt am zu- oder abnehmen? Welche ausländischen Marken sind derzeit die Wichtigsten in China?
Wenn Sie meinen “im Verhältnis zu chinesischen Marken”, würde ich sagen “vielleicht” oder “welche chinesischen Marken sind bedeutend?”. Der interessanteste Trend ist Diversifikation. In der Vergangenheit haben Verbraucher gewisse Maken wahrscheinlich gekauft, weil sie aus dem Westen kommen. Verbraucher sind nun aber besser gebildet und kaufen die Marken aufgrund des speziellen Images, das sie repräsentieren.
Ich könnte eine ziemlich ausführliche Analyse über die Wahrnehmung von Marken und die einflussreichsten Hersteller erstellen. Der Einfluss einer Marke ist stark mit dem Thema Fälschungen verbunden. Oftmals ist es den Leuten egal oder sie können es einfach nicht unterscheiden – aber das hängt vom Konsumenten und der Marke ab.
Sportschuhe sind sehr etabliert: Nike, Adidas und Puma sind sehr beliebt, um nur ein paar zu nennen. Viele von ihnen bringen spezielle, chinesisch-inspierierte Linien auf den Markt – 2008 werden wir noch mehr davon sehen.
Im Luxusbereich tragen Frauen oftmals Chloe, Marc Jacobs, Prada/ Miu Miu und immer wieder LV.
Beijings Mittelklasse liebt Zara, Mango und freut sich stets auf die neuen H&M-Kollektionen. All dies bezieht sich auf die Entwicklung der Mittelklasse – es gibt immer noch genug Raum für ausländische Luxus-Marken.
Männer bevorzugen Ermenegildo Zelda. Weitere angesagt Marken – wobei der Großteil, der gekauft wird, Fälschungen sind, sind Paul Smith, Dior Homme, Y3 und DSquared.
Was sind ihrer Meinung nach die maßgeblichsten Einflussfaktoren auf dem chinesischen Modemarkt? (höherer Lebensstandard/ höheres Einkommen, Verbreitung des Internets, globales Bewusstsein)
Es treffen alle genannten Aspekte zu: steigendes Einkommen, das Internet und ausländische Medien, Reisen und Studium/ Arbeit im Ausland sowie Urbanisierung etc. Sie sind alle wichtig, aber ich möchte über ein paar interessante Einflussfaktoren sprechen, die ein wenig spezifischer für die Modebranche sind:
- Klimatisierung – die Verbreitung von Klimaanlagen, der Besitz eines Autos und Heizungen sind eng mit der Mode verbunden. Eine Frau kann nicht wirklich in Betracht ziehen, im Winter, wenn sie mit dem Fahrrad in ein kaum beheiztes Büro fährt, einen Rock zu tragen. Trotz der Bemühungen der Regierung, unterkühlen Firmen ihre Büros immer noch und Männer sind selbst im Sommer in der Lage Anzüge und Krawatten zu tragen. Des weiteren fahren diejenigen Personen, die das meiste Geld für Mode ausgeben, überall hin. Zusätzlich zu dem Bedürfnis, das die Kleidung dem Klima angepasst ist, tragen sie immer empfindlichere Materialien und kostbarere Stücke.
- Neue Events – außer Karaoke singen und auswärts Essen sind viele Chinesen bis vor Kurzem nicht ausgegangen. Nun haben wir viel mehr Möglichkeiten. Die Mittelklasse geht nun auf Konferenzen, Benefizveranstaltungen und teure Hochzeiten. Vor allem Frauen müssen nun durch die Art wie sie sich anziehen ihren guten Geschmack und Stil unter Beweis stellen.
- Frauen im beruflichen Umfeld – chinesische Frauen haben den weiblichen Befreiungskampf übersprungen – eine schreckliche Zeit für die globale Modebranche – und wurden gleich zu unabhängigen Ausgebern mit Vertrauen in ihre Weiblichkeit. Die 70er und die Anfänge der 80er waren keine gute Zeit für die westliche Mode. Frauen betraten die Büros nur schüchtern und dachten, sie müssten wie Männer aussehen. Frauen in China werden unabhänigig und wohlhabend, aber sie haben keine Angst ihre weibliche Seite zu zeigen. Das ist gut für die Modewelt, weil es bedeutet, dass diejenigen, die die Mode am meisten lieben auch genug Geld haben und schön, kunstvoll und anmutig aussehen möchten.
- Subkulturen – wenn Sie der Meinung sind, dass die homosexuelle Befreiung in China zu langsam voranschreitet, gehen Sie doch mal an einem Sonntag Nachmittag zum Oriental Plaza. Die homosexuellen Männer dort vergöttern die Mode – wie sie es auch im Westen tun. In China wachsen alle möglichen Arten von Subkulturen, ob es nun Hip Hop, Skateboarding oder die verschiedenen von Japan beeinflussten Stile sind. Das Modeelement ist hier wichtiger als im Ausland, während andere Gründe für die Existenz von Subkulturen hier eher in den Hintergrund geraten.
Wie weit sind chinesische Frauen den Männern im Bezug auf das Modebewusstsein voraus? Holen die Männer auf?
Männer sind nicht so modebewusst, aber manchmal gibt es auch wenig stillvolle Typen, die gut aussehen. Frauen konzentrieren sich oft sehr auf Mode. Und das ist ein Problem. Sie jagen jedem Trend hinterher und setzen ihn mit minderwertigen Materialen um, statt einen eigenen Stil zu entwickeln. Ich mache keine Bilder von den durchschnittlichen, herumziehenden Arbeitern, Schreibtischtätern, Fabrikanten oder Regierungsbeamten. In China sehen Männer im Anzug oder anderen klassischen Modestilen einfach nicht gut aus. Der Anzug ist hier kein eindrucksvolles Symbol und auch kein Teil des Kulturerbe. Die Leute tragen Anzüge oder traditionelle Kleidung, nicht, weil sie es gerne tragen. Der männliche Modestil bezieht sich gänzlich auf lässige Kleidung. Man muss sich nur Nischengruppen wie Rocker, Skateboarder und Künstler ansehen.
Trotz der weitverbreiteten Meinung, dass es Männern an Stil fehlt, finde ich doch gelegentlich Männer, die es wert sind fotografiert zu werden. Wie bereits gesagt: homosexuelle Männer haben wirklich Stil. Hier wahrscheinlich mehr als im Westen. Sie haben mehr Ahnung als die meisten Frauen. Im Allgemeinen haben Männer weniger Möglichkeiten sich geschmacklos zu kleiden als Frauen. Jede Frau versucht sich modisch zu kleiden und hervorzustechen, aber meist tut sie das nur, weil sie geschmacklos gekleidet ist und sich auf missverständliche Derbheit verlässt. Die meisten Männer sehen auf schlampige und nachlässige Art und Weise schlecht gekleidet aus, während Frauen unmöglich aussehen, weil sie es mit Pailetten, Kunstleder und Pelzimitaten übertreiben.
Männer holen definitv auf. Junge Männer sind oft besser gekleidet, als sie es sein müssten, wobei wir bei den Männern über 30 eine Stil- und Modewüste vorfinden – was bei den Frauen nicht der Fall ist.
Danke Nels. Wir werden bald wieder auf Sie zurückkommen, um mehr über die weiteren Entwicklungen in der interessanten und sich permanent entfaltenden chinesischen Modewelt zu erfahren.



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[...] the google for ”stylites” brought up this German version of the CScout interview from earlier this year. It’s flattering that these things are translated into [...]
Pingback by STYLITES IN BEIJING » Read about Stylites in German — 16. October 2008 #